ATypI Konferenz Leipzig 2000

Dies ist die Transkription einer Kopie eines Schulhefts, in das ich für Max Bollwage die ATypI Konferenz in Leipzig protokollierte und welches ich ihm nach Abschluss zusendete. (Lesezeit ca. 11 Minuten)

 

Freitag, 21. September 2000

9:45
Da bin ich also mit meinem Klapproller im alten Konsumgebäude, abgefahren rustikal, mit Shuttelbus vom Museum aus zu erreichen. Begrüßung von Mr. Batty, der ATypI-Chefin, Erik, dem Spiekermann und zu guter Letzt begrüßt auch SchumacherGebler die Hörerschaft bevor der Lederjackenträger Weidemann die Bühne betritt. Bisher no Inhalt, bad coffee und bereits leichter Kopfschmerz von rechts wegen des frühen Aufstehens.

Ach, ich sollte noch erwähnen, dass ich no guarantee at all für Rechtschreibefehler übernehme, auch wenn dies ein janz klassisches Schulheft ist – schnell noch eben am Bahnhof gekauft um das Protokoll der Delegierten Kupferschmid zu notieren. Oh – ich vertat mich – vor Weidemann kommt jetzt noch mal SchumacherGebler und stellt das Museum vor – Zeit um mich draußen noch etwas umzusehen, das Museum kenne ich ja nun wirklich schon gut. To be continued.

10:40
Oh je, SchuGe redet immer noch. Er findet vor lauter Liebe und Leidenschaft kaum ein Ende. Jetzt gibt es gottseidank Kaffee.

11:15
Er ist ein Deutsch sprechender Deutscher ohne Dias oder Beamer, ich muss angestrengt zu hören, Kurt spricht immer so konzentriert. Ob die armen Ausländer irgend etwas von dem verstehen?

»Wer spät bremst, fährt länger schnell. Auch mal an die Wand. Vielleicht sollte man erst Fahrstunden nehmen.« Ich glaube, ich muss ihm das Manuskript abschwätzen, das kann man kaum zusammenfassen. »Hier ist es wie auf einem Katholikentag – es gehen immer nur die hin, die es nicht nötig haben.« Naja, es war wohl nur die ersten sieben Minuten etwas erneuert, jetzt redet er doch wieder von der Typografie als Selbstzweck und dem Waschmittel, das sich selber wäscht. Wird halt doch alt.

Es klingt alles so deprimierend, aber das ist ja auch nichts neues bei Weidemann, genauso wenig neu wie GGLs Begeisterung für alle neuen spleans. Nur schlägt er heute nicht mehr auf. Carson, der ist längst vergessen, heute sind es die start-ups, die Jungunternehmer, die die nur am Kapital interessiert sind, nicht an den Kapitälchen. Am Ende des Vortrags trat plötzlich der Schluss ein.

12:00
Vor mir Christopher Burke, über die Futura sprechend, den ich Lutz Ihle im Museum [Anmerkung: das Programm verteilte sich auf zwei Schauplätze die leider einen 15 Minuten Fußweg weit auseinander lagen, oder mit dem Shuttelbus erreichbar] vorgezogen habe, aber den sehe ich ja öfter. C.B. jedenfalls spricht über die Futura, Geschichte, Zeichenanalyse und was witzig ist, ist, dass die Futura bei Deberny & Peignot »Europa« hieß. Ansonsten habe ich davon ja schon viel gelesen und die Bilder gesehen in Burkes Buch über die Futura, das 1998 (?) bei Hyphen Press erschienen ist. Es ist aber ja immer lustig, die Menschen dann live zu sehen, die man sich doch oft irgendwie anders vorgestellt hat. Er ist ein sehr streng aussehender Doktor, spricht aber sehr gut, so dass man schön zuhören kann, which I will now continue to do.

Die kursive Futura wurde z.B. von Bauer selbst als »schräge« bezeichnet. Wusste ich nicht. Oder dass die book erst 1932 dazu geschnitten wurde, weil die regular immer als etwas zu fett empfunden wurde. Das r bestand ursprünglich nur aus einem Strich und Kreis, was aber später gegen Renners Präferenz geändert wurde. Steile Futura kam erst Anfang der 50er Jahre und gehört gar nicht mehr recht dazu, viel mehr kalligrafischer Einfluss. Futura wurde auch auf dem Schild verwendet, dass man auf dem Mond aufstellte als wir dort waren (z.B. die Amis). Das hat er vom Enkel von Georg Hartmann erfahren, der die Bauer’sche Gießerei nun in Barcelona weiter betreibt. Cool.

14:07

Es gab Lunch-Plastiktüten gefüllt mit Sandwiches und Obst und Fanta und ich habe mit vor Aufregung rotem Kopf die Zeit genutzt, um Robin Kinross und Jost Hochuli wegen Abbildungen zu fragen, die ich in meinem Buch verwendet habe. Nun, wo es noch mal richtig gedruckt wird. Jetzt fehlt mir nur noch der Noordzij-Clan in persona Matthias, aber den habe ich noch nicht gesehen.

Nun sitze ich im Museum und listening to Andrew Boag, der etwas durcheinander über Monotype spricht. Ich kenne ihn ja schon aus Erzählungen und vom sehen von Fred Smeijers, da er der UK-sales agent für die TEFF-foundry ist. Aber jeder Besuch beim Monotype-Vorführmann im ersten Stock gibt mehr her als dit hier. Jürgen Siebert ist auf der Konsum-Bühne und erzählt über Fun-Fonts.

Ach, ich darf nicht vergessen, bei meinen Hochulibildern die Bildunterschrift zu ändern und ihm ein Exemplar zu schicken. Mann, ist das inzwischen langweilig geworden mit dem Andrew. Oh, eben sehe ich unseren gemeinsamen Freund Bernd, bemerkenswerte Frisur wie immer, Jutta Nachtwey habe ich aber noch nicht gesehen, die wird bestimmt bei Jürgen Siebert drüben sein.

 

Samstag, 22. September 2000

7:30
Huch, irgendwie habe ich den ganzen Abend unterschlagen. Der ging so: nach Andrew Boag war ich noch mal kurz im Konsum und habe nach den arabischen Schriften geschaut, aber das war eine schreckliche Präsentation. Also bin ich Weidemann hinterher gestiefelt und habe ein bisschen mit ihm geplaudert. Er konnte sich noch gut an unser Treffen in Weimar erinnern, wusste noch alle Details, was er bei uns für Kuchen gegessen hat und dass es ein ziemlich schrottiges Haus war. Oops. Ich wollte ihm noch das Manuskript seines Vortrags abluchsen, aber das hatte er schon Erik S. zum kopieren gegeben und der solle mir doch ein Exemplar mehr machen und eins für den armen Max, den ich schön grüßen soll. Seine Jacke war übrigens gar nicht aus Leder sondern schwarzem, zerkrumpeltem Papier, hat Boss gebastelt.

Dann bin ich zurück in die Nonnenstraße, wo Erik S. seine »Meisterklasse« abhielt. Es wurde zwar leider nichts gezeigt aber lebhaft über die verschiedensten Methoden des Schriftentwurfs diskutiert. Allen voran Jay. Ein Anruf hat mich da dann rausgelockt und ich bin lieber ein bisschen zu meiner Lieblingsmaschine in die Gießerei und habe mit dem Bediener über die eigenartigen Serifen oder abgeschnittenen Serifen Gotisch gesprochen [ich weiss nicht, was ich hier meine].

Unten im Hof ist wieder ein großes Zelt aufgebaut und dort saßen Peter Matthias Noordzij, Erik van Blokland und der ganze niederländische Rest. Ich habe Matthias wegen der TEFF-Schriften in meinem Buch gefragt und das geht in Ordnung. Gerrit muss ich wegen der e-Quadrate allerdings selber fragen, leider. Naja, er hat mir die Adresse gegeben und mit einem Gruß von Hochuli sollte es klappen, meinte dieser. Ha!

Leider stellte ich nach längerem Gespräch am holländischen Stehtisch fest, dass es gar nicht mehr 15:15 war, wie auf meiner Uhr angezeigt, sondern bereits 16:45. Wie kann eine Uhr nur so erschreckend viel nachgehen plötzlich?! Das wäre mir bis zum Bahnhof wohl nie aufgefallen. Na jeden Falls war es damit höchste Zeit um in die HGB zur TDC-Ehrung zu fahren, da hatte ich mich eigentlich für 16:30 verabredet. Aber so schnell kam kein Transferbus, just bis zu dem Moment, wo wir gerade zum laufen ansetzen.

Etwas spät also kamen wir in einen bereits total vollen und stickigen Festsaal und beklatschten den Studenten der HGB für sein TDC-Stipendium und GGL für sein Lebenswerk für Berthold. Paul van der Laan, der neben mir saß erzählte mir unterdessen von dem mehr als seltsamen Ha•••y H•••, der die Reste aller Berthold Schriften gekauft hat und wie sich er arme GGL jetzt gut mit ihm stellen muss, damit er überhaupt was von seinem Lebenswerk hat. Scheisse sowas. Später habe ich auch noch mal mit Just van Rossum und Erik S. darüber gesprochen, aber da scheint nichts zu machen.

Den Rest des Abends, die Auktion, verbrachte ich weintrinkend mit den diversen Holländern im Flur. Just erinnerte mich an ein Lied, das wir in Berlin 1998 gedichtet haben: Kommunikationsfehler – a-ha. Aber das muss langsam und melodiös vorgetragen werden. Er ist als Nachfolger für Hildegard Korger an der HGB im Gespräch und wollte sie kennenlernen, also gingen wir sie suchen, aber sie war irgendwie nicht so gut drauf und ziemlich abweisend zu ihm. Mich empfing sie allerherzlichst und bat mich sogleich, in einem schwierigen Gespräch, das sie gerade mit einem Englisch-sprechenden führte, zu übersetzen. Der arme Just stand etwas begossen und ignoriert daneben. Beleidigt?

Anyway, als alle zum Abendessen aufbrachen bin ich zum Bahnhof und in Weimar noch auf eine Geburtstagsfeier. Keine gute Idee, erst um 2 Uhr schlafen zu gehen, wenn man um 6:30 aufstehen muss, aber ich sitze auf dem sicheren Weg im Zug nach Leipzig. Müde die Augen, warm das Herz.

10:40
Yvonne Schwemer-Scheddin spricht schon seit einer Stunde extrem interessant über Fraktur, absolut druckreif und ich hoffe, wir finden den Text noch mal irgendwo publiziert. Erst gab es einen geschichtlichen Überblick, der alles gut in den Kontext stellte und fast zum Schluss gab es zeitgenössische Beispiele und Missbräuche von Neonazis aber auch andere bildliche Anwendungen. Wirklich ganz beeindruckend. Nun soll eine Diskussion folgen, aber draußen scheint die Sonne und ich habe Durst.

12:00
Wir diskutieren immer noch, bzw. ein paar da vorne sprechen nacheinander und wir sitzen. Gerade ist wiedermal GGL dran, wie immer, leider das gleiche Problem wie bei Weidemann, zuviel ist irgendwann langweilig. Vielleicht sollte ich ins Museum schauen, da soll eine Diskussion über Amerikanische Magazingestaltung sein.

14:32
Man glaubt es nicht, aber jetzt erst ist Erik dran, weil die Frakturdiskussion so ewig ging und dann der Nachfolger auch noch laberte und laberte. In der Zwischenzeit gab es wieder Sandwiches in Tüten und Paul van der Laan hat mir ein bisschen seine Arbeit gezeigt.

Erik zeigt jetzt Schriftmuster, aber hinter die Message bin ich noch nicht gekommen. Jetzt ist die Message das mit den unterschiedlichen Industrienamen der Schriften. Bekanntes Problem, kann aber nicht oft genug gesagt werden. Und jetzt noch ein bisschen Eigenwerbung und schnell noch die VW-Futura von Meta zeigen.

16:15
Inzwischen sind wir so was von zu spät dran auf der Konsumbühne, dass ich nun Ruedi Baur leider nicht mehr sehen konnte und schnell zu James Mosely ins Museum bin. Er zeigt ziemlich tolle Dias von Caslon Schriften, spricht wie ein lieber Märchenonkel und erklärt die Zusammenhänge bis zur Privatpressen-Bewegung mit ihren kräftigen Serifen. Sehr interessant, für nicht-Fans etwas trocken vielleicht. Paul v.d.Laan neben mir hat mit James unterschiedliche Erfahrungen gemacht, sagt er. Ich finde seine Artikel jedenfalls gut und Frau Korger ist hin und weg. Leider versteht sie kein Englisch und hier im Museum gibt es keine Übersetzung. Also muss ich wieder ran und sie hat mich gebeten, dass ich James nach dem Manuskript und seinen Bildern frage – mmmh … Gestern habe ich ja auch die ganze Zeit für sie übersetzt.

17:00
Wir bleiben sitzen, denn Jost Hochuli geht schon nach vorne. Die HGB hat den Gutenberg-Preisträgern eine Schriftenreihe gewidmet und die erste Folge ist für Hochuli. Die haben zwar Studenten konzipiert, aber die Preisträger sollen die Bücher dann eigentlich selbst gestalten. Ist ein sehr schönes, ganz typisches Hochulibuch geworden. Nun ufert die anschließende Diskussion ein bisschen aus. Wir streiten gerade über die verschiedenen Punktsysteme. Naja, ich will lieber noch was von Hochuli hören. Das Buch gibt es bei dem Institut für Buchkunst der HGB.

19:00
Nun ist schon so spät, dass wir von Jays Vortrag im Konsum nur noch den kläglichen Rest Zuhörer sehen. Alle machen sich langsam zu Auerbachs Keller zum Galadinner auf und ich gehe mit den 20 Holländer/Amis irgendwo essen.

22:59
Zug, der letzte, müde. Das mache ich nicht noch mal, dass ich Abends immer nach Hause fahre, ich verpasse die besten Parties.

 

Sonntag, 23. September 2000

10:40
Mmmuahha – nach zwei superstarken Konsumkaffees kann ich den Bleistift wieder halten. Opentype war um 10, das 2. Dings ist ausgefallen und so stehe ich wieder besser draußen an den Stehtischen, gerade mit Korger und Bruno Steinert. Frau Korger ist unglücklich weil sie eine Schrift bei Adobe gefunden hat, die so ähnlich aussieht, wie ihre von 1972 für den Ostblock-Wettbewerb [Sie meint die Chaparral]. Ach, sie hat’s aber auch nicht leicht, herrje. Wir gehen jetzt zu Robofog mit Just und Erik.

Frau Korger hat nun nach fünf Minuten schon die Kraft verlassen und ist eingeschlafen. Ist aber auch sehr speziell das Thema.

12:30
Die Lunchtüten mit den Papp-Sandwiches werden wieder gebracht, uff. Ich habe Hunger, muss mich aber noch etwas gedulden da Cynthia drinnen noch schwafelt. Ich stehe wieder bei Frau Korger, diesmal mit Erhard Kaiser und sie erzählt wieder ihre Geschichte. Kaiser bietet sich äußerst höflichste an, er würde wohl gerne Frau Korgers Schriften digitalisieren. Sie jedoch ist völlig auf Just van Rossum fixiert, weil er ja an die HGB kommt und dann hat sie für ihn schon etliche Aufgaben …

FOOD, GIVE ME FOOOOOD!

14:30
Ach du je – na also die general assembly ist ja irgendwie nichts für mich, da werden die Vertreter gewählt und so weiter. Wir gehen noch mal ins Museum.

15:10
Da ist nix mehr. Zu. Ende. That was it. Schade. Stadt?

22:59
Heute Nachmittag war ich dann mit Paul bei den Markfesten in der Leipziger Innenstadt und dann noch mit Studenten essen, sehr erschöpfend. Mit einer Gruppe von 40 Leute was zum Essen zu suchen ist einfach erschöpfend. Müde. Weimar. Ausschlafen. Aber schön war’s.

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One Comment

  1. Posted 17. November 2011 at 22:27 | Permalink

    richtig schöner unterhaltender Text, dank!

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