Interview-Fundstück von Mai 2009

Dies ist ein Interview, das ich einer Studentin (?) der HGB Leipzig im Mai 2009 per email gab. Leider habe ich den ganzen Kontext vergessen.

 

1. Wie sind Sie zum ersten Mal in Berührung mit Typografie gekommen?

In der Oberstufe des Gymnasium im normalen Kunstunterricht bei Frau Schüssler haben wir uns an Grafikdesign versucht und dafür aus Letraset-Katalogen Schriften abgezeichnet. Auch Schriftklassifikation war Bestandteil des Unterrichts, aber an den Begriff »Typografie« kann ich mich von damals nicht bewusst erinnern. Auf den traf ich an einem Türschild in den ersten Wochen im Studium und er übte irgendwie eine magische Faszination auf mich aus.

 

2. Was war der Auslöser für Ihre Entscheidung, in Weimar zu studieren?

Die Fakultät Gestaltung wurde in dem Jahr gegründet, als ich Abitur machte. Und davon erfuhr eigentlich nur, wer Kontakt zu jemandem an der Hochschule hatte. Eigentlich wollte ich nicht in Weimar studieren, bzw. bis dahin wurde Grafik-Design, oder wie auch immer die Studiengänge hießen, auch in Weimar gar nicht angeboten. Ich plante erst mal, ein Jahr ins Ausland zu gehen, da ich nach den Abiturprüfungen viel zu spät für die Bewerbungsrunden gewesen wäre. Aber in Weimar gab es ein Nachrückverfahren, zu dem man sich im Juni noch bewerben konnte. So bin ich da eher zufällig gelandet und das (zu Beginn doch recht wilden) Projektstudiums hat ebenfalls zufällig wie die Faust aufs Auge zu mir gepasst. Über das Studiensystem war im Vorfeld der Bewerbung nichts in Erfahrung zu bringen, oder ich habe mich nicht richtig erkundigt, hätte aber wahrscheinlich auch keinen großen Einfluss auf mich gehabt, weil ich damals eventuelle Vor- oder Nachteile gar nicht einschätzen konnte.

 

3. Was bedeutet Typografie für Sie?

Das habe ich an anderer Stelle mal so formuliert: Sie macht mir das Leben leichter. Sie ordnet Texte, die ich lesen soll, so vor, dass ich sie besser verstehe, bzw. leichter lesen/erfassen kann oder ich manches auch nur überfliegen muss und trotzdem das Wichtigste mitbekomme. Und sie sagt mir schon von außen, ob »das« überhaupt für mich gedacht ist und ich den Text lesen will/soll. Außerdem macht sie mir das Leben schön (Typografie ist bekanntermaßen die tollste Sache der Welt).

 

4. Womit beschäftigen Sie sich in der Typografie am liebsten?

Schriftwahl! Außerdem Details und Mikrosachen wie Umbruch, Trennungen, Auszeichnungen, Satz etc. Ich habe einen Hang zum Satzfehler finden. Noch bevor ich irgendwas lese, springen sie mich förmlich an – zum Leidwesen meiner Studenten.

 

5. Wer oder was hat Sie besonders beeinflusst?

Meine Aufenthalte in Berlin bei MetaDesign und in den Niederlanden bei Fred Smeijers. Aus Berlin brachte ich die Pingeligkeit für richtigen Satz mit (von der sie in Holland, wo ich danach hin ging, eher etwas irritiert waren). Dann traf ich Fred Smeijers und er rüttelte in mir dann endgültig die Liebe zur Schrift auf, brachte mir viel bei, fand aber auch, dass mein Forscherdrang damals fast bisschen zu umfassend und analytisch war. Ich saugte alle geschichtlichen Schinken auf, die ich finden konnte. Weimar hat tolle Bibliotheken.

 

6. Haben Sie momentan eine Lieblingsschrift?

Da könnte ich je nach Tagesform eine andere nennen. Und natürlich je nach Anwendung. Ich habe eine Zuneigung zu kantigen Schriften (z.B. California/Deepdene, bzw. fast alle von Dwiggins), vergessenen (Loreley, fast alle von Georg Salden), unterrepräsentierten (Folio, fast alle von Walter Baum) und schwer handhabbaren (Spectrum, fast alle von Jan van Krimpen). Und ich mag fast alle Schriften von Cyrus Highsmith und Fred Smeijers.

 

7.Was gefällt Ihnen am meisten an Ihrem Beruf?

Das analytisch-forschend-friemelige. Das ist aber weniger berufsimmanent als eher mein Charakter, bzw. Herangehensweise. Ich bin nicht so ein Bild-/Plakat-Mensch (es sei denn typografische Plakate), lieber gestalte ich mehrseitige Drucksachen, Bücher mir vielen Texthierarchien, wo ich Stilformat-mäßig in die Vollen gehen kann. Andererseits scheinen da doch zwei Herzen in meiner Brust zu schlagen: immer wenn ich eine Weile vor allem textlastige Bücher gemacht habe, wünsche ich mir mal wieder ein komplexes Werk mit vielen Bildern und Zeichnungen – und umgekehrt.

 

8. Gibt es einen anderen Beruf, der Sie noch reizen würde?

Bis kurz vor dem Abitur wollte ich eigentlich Chemie studieren. Anstatt dritte Fremdsprache habe ich experimentelle Naturwissenschaften belegt. Jetzt nützt mir mein Restwissen zwar immer noch in der Küche, aber inzwischen wäre es schon praktischer, wenn ich ein bisschen Französisch könnte. Wenn die Arbeitszeiten anders wären, könnte ich mir auch »Bäcker« vorstellen.

 

9. Ist Ihnen schon mal ein typografischer Fehler unterlaufen? (bei einer wichtigen Publikation o.ä.) 

Na klar – aber inzwischen sind die Missgeschicke weniger typografischer Natur. Falsche Papierlaufrichtung hatte ich natürlich schon, Text im nicht beachteten Falz auf dem Einband, Bild in Bildschirmauflösung … Mit meinem eigenen Buch habe ich (unverschuldet) von der Produktionsseite her die wildesten Sachen erlebt. In der ersten Auflage wurden Andruckbögen mit eingebunden, bei der zweiten die Braille-Schrift gedreht geprägt, bei der dritten erst falsche Papierlaufrichtung, bei der vierten Auflage ist dann gleich alles verrutscht. Es ist doch meistens so: wenn etwas frisch aus der Druckerei kommt, schlägt man es auf und findet sofort den ersten Makel. Und wenn es nur eine Zeile ist, die ich lieber anders umbrochen hätte.

 

10. Gibt es einen Ort, an dem Sie gerne leben würden, da er besonders inspirierend auf Sie wirkt?

Beruflich inspirierend? Mh, ich habe schon einige Orte durch. In Hamburg z.B. habe ich sehr gerne gewohnt. Die Niederlanden mag ich auch immer noch. Außerdem Finnland, bzw. Skandinavien allgemein hat eine Designaura, die mich anspricht. In Düsseldorf, das darf man im Rheinland ja immer nicht so laut sagen, hat es mir z.B. auch sehr gut gefallen. Das hat aber natürlich immer etwas mit dem Haus, der Wohnung, der Gegend, der Arbeit, der Freunde und dem ganzen Umfeld zu tun. Allgemein und unabhängig vom Land könnte man vielleicht sagen, dass ich eher ein urbaner Dachgeschosswohnungsmensch bin und die Stadt in jedem Fall einen Fluss oder anderes Wasser haben muss. Mein Traum ist ein fahrbares Hausboot mit innerstädtischem Liegeplatz, mit Garten, in Bahnhofsnähe, mit toller Aussicht wie im 4. Stock und nicht feucht und ohne Spinnen.

 

11. Lesen Sie zur Zeit ein Buch, und wenn ja, welches?

Oh jee, viele – an jedem Ort liegt ein anderes: The Learner (zweiter Roman von Chip Kidd), Im Land der letzten Dinge (erschütternd), Die wilde Geschichte des Wassertrinkers (urkomisch) und seit Monaten Die Buddenbrooks neben dem Bett (zäh). Ich fange auf beinahe jeder längeren Zugfahrt ein neues an.

 

12. Von welcher Tätigkeit/Beschäftigung hat Sie dieses Interview abgehalten?

Ich war eigentlich gerade dabei, Buchstabenteile mit ihren englischen und deutschen Begriffen zu beschriften für den Umschlag meines nächsten Buches. Dann liegen hier noch mehr Anfragen bzgl. Statements, Empfehlungen und e-mails, die sich aufgestaut haben. Und ich habe die ganze Zeit so kalte Füße, dass ich mir längst Socken anziehen wollte.

 

Und am Rande: Welche Farben gefallen Ihnen besonders gut?

Alle außer Lila und ihre Verwandten.

 

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