Kurt Weidemann, adé.

Yesterday my good friend Kurt died at the age of 88. I got to know him 1995 in Weimar when I invited him to give a lecture at our university. Prior to this we had coffee and cake at our squatted student’s abode, ranted about architects, designers, this, that and the world and he seemed to thoroughly enjoy the untidy (not to say seedy) atmosphere in our house. So we stayed in touch. I owe him a lot and will miss him terribly.

Für die interessierten Deutsch lesenden möchte ich hier seinen Vortrag von damals posten. English speakers might just have to enjoy some old photos I found. Due to Kurt’s very creative use of language google translate probably won’t make much sense out of his text.

Fare well, dear friend. Though I wish you peace, I cannot imagine you resting :)


Der Meister auf unserem Forum Typografie in Düsseldorf, 2/2007
(post auf dem Spatium blog über seinen Vortrag dort)

Kurt + i auf der TypoBerlin 10/1996, still aus Historische Videoschnipsel
(Video seines Vortrags auf der TypoBerlin website)


Ist Wertewandel das Deckwort für Ratlosigkeit?

Anmerkungen zu den gestaltenden Berufen
von Kurt Weidemann

Ich sage Ihnen nichts Neues (Wenn ich nichts Neues sage, muß ich dem etwas hinzufügen, das Ihre Aufmerksamkeit verdient) mit der Feststellung, daß wir in einer Interessen- und Verbändedemokratie leben: Gewerkschaften, Unternehmer, Aktionärs- Berufs-, Rentner-, Steuerzahler-, Postbenutzer-, Schwulenverbände befehnden und lähmen sich in längst ranzig gewordenen Ritualen, die sich allenfalls im Stillstand festfressen und schlimmerenfalls in einer „Wolfsordnung“ enden. In den profilneurotischen Gesichtswahrungsspielen maskiert man sich kaum noch. Jeder Handgriff wird heute nur noch durch Handaufhalten beendet.

Damit stehe ich nicht im zeitgemäßen Klageweibertrend. Man soll keine Krisen herbeireden. Das ist auch nicht nötig, wir sind ja bereits mitten drin. Nur: Darin liegt auch unsere Chance. Die Mittel und Methoden, die wir bisher angewandt haben, greifen nicht mehr. Und ihre Erfinder und Verfechter quasseln sich – wenn nicht um den Verstand – so doch um die Vernunft. Die schrumpft dabei auf den Radius Null.

Also muß die junge Generation ihre Zukunft in die Hand nehmen, bevor der Verfall von Konsens und Solidarität keine Anstrengung mehr lohnen. Dazu reicht es nicht, Zuspruch und Schulterklopfen zu üben. Zum Vertrauen muß auch Einfluß und Macht übergeben werden, muß Verantwortung vorbehaltlos abgetreten werden. Angst und Zaudern sind schlechte Ratgeber. Alles im Voraus besser zu wissen, kann man so wenig, wie man sich auf Vorrat rasieren kann. Die Anforderungen sind gewaltig und das Anpacken muß herzhaft sein. Und auch die Probleme sind gewaltig und ihre Bewältigung muß entschlossen und beschlossen sein. Die “jobless growth”, das Wachstum ohne neue Jobs muß sowohl vom Wachstum als auch vom Beschäftigungsmodell neu gedacht werden. Nach dem Grundsatz des englischen Gartenbesitzers: „Wer seinen Garten liebt, braucht ein hartes Herz und eine scharfe Säge.“

Wohlan. Ich bin guter Hoffnung. Vor bald zweihundert Jahren schrieb Hegel seinem Freund Niethammer: „Ist erst die Vorstellung revolutioniert, so hält die Wirklichkeit nicht stand.“ Vorstellung müssen revolutioniert, Besitzstände müssen hinterfragt und Vorstände müssen überprüft werden. Die Wirklichkeit hält nicht stand vor der Vision eines Realisten. Und wer nicht an Visionen glaubt, ist kein Realist. Sie haben als angehende Architekten einen überkommenen Anspruch darauf, die Architektur als „Mutter der Künste“ zu bezeichnen. Das entspricht nicht mehr recht heutigem Anspruch. Gelegentlich ist die Architektur noch Behausung der Künste. Diese verschmelzen heute aber ineinander oder vegetieren miteinander.

Von Kunst kann kaum noch die Rede sein, wenn Gesetzesauflagen, Baurechtsbestimmungen, Verkehrs- und Sicherheitsvorschriften, Denkmalschutz und Nachbarschaftseinsprüche in einer Zeit des angeblichen “anything goes“ festlegen, daß nichts mehr geht. Die Berufsgruppen, die unter solchen Gegebenheiten intelligente Befreiungsschläge üben, werden unter anderen auch von den Design Berufen erhofft.

Diese Berufe könnten einem neuen Zeitgeist auf die Sprünge helfen, wenn Designer sich nicht nur als Verkaufshelfer („Strichjungen der Marketingleiter“ wurden sie schon genannt), als Oberflächenkosmetiker, Krawattenmustermaler und Verschönerungsspezialisten verstehen. Etwas machen, was allen gefällt, kann am besten derjenige, der einer von Allen ist. Sie brauchen für ihren Beruf etwas, das den “buy low – sell high”-Krämern, den Politikern, den Wohlstandsbürgern fehlt: Phantasie, Kreativität, vielleicht sogar Visionen. Das ist alles, was heute eingeklagt – und wenn es deutlich vorhanden ist – auch wieder ängstlich eingedämmt wird. In einer verkopften Welt darf die Phantasie dem Wissen überlegen sein. Wissen ist heute weitgehend abrufbereit. Um erfolgreich zu sein, genügen manchmal schon 10 Prozent Inspiration wenn sie mit 90 Prozent Transpiration realisiert wird.

In Zeiten harter Marktauseinandersetzung, in Zeiten der Rezession, des Strukturwandels, der Innovationsschübe wird nach wohlfeilen Begriffen gerufen; nach Kreativität, nach Visionen, nach Erkenntniswerten, nach Schlankheit in allem und jedem. Und bei allen. Unternehmen und ihre Mitarbeiter leben in Existenzangst, in Existenzbedrohung. Manche sind wie die Maus, die in den Milchtopf gefallen ist und so lange strampelt, bis sie Butter unter den Füßen hat, um nicht zu ertrinken. Manche wähnen sich wieder in wärmeren Gewässern und merken nicht, daß sie bereits im Kochtopf sitzen.

Eine Bestandsaufnahme der Situation in Politik, Gesellschaft und in den Unternehmen fällt nicht ermutigend aus: Wir leiden. Aber auf einem hohen Niveau. Ein halbes Jahrhundert West haben die Politiker zur Wiederwahl und zum Machtwechsel gebraucht, indem sie uns mit Gürtel und Hosenträger versorgt haben. Nun sollen wir eins davon wieder ablegen und das löst Zeter und Modrio aus: „Schon’ mein Haus, zünd’ ein anderes an!“ Unser Sicherheits- und Versorgungsdenken macht uns nicht zufrieden, sondern freudlos. Ein halbes Jahrhundert 0st hat die Menschen in unwürdige und trostlose Daseinsformen gepreßt, bestenfalls in Solidargemeinschaften des ebenso freudlosen Überlebenwollens verhaftet. Über den Zeitraum von mehr als einer Generation haben Menschen in beiden Teilen dieses Landes Recht und Freiheit, Not und Wohlstand, Anspruch und Gehorsam auf sehr unterschiedliche Weise erleben und erleiden müssen. Daraus zu schließen, daß in der Achtung der Grundwerte auch völlig abweichende Vorstellungen sichtbar werden müßten, ist falsch. Die Abstumpfung oder Bewußtseinsschärfung kann sich unter den unterschiedlichen Systemen entwickeln und begründen lassen. Was sich erkenntlich oder unterscheidungsfähig macht zwischen 0st und West, sind allenfalls Sekundärmerkmale, Dialekte zum Beistpiel. Seit der Katerstimmung nach dem Befreiungsrausch rackern nun die mehr oder weniger Trostlosen gemeinsam weiter. Sind die Zeiten denn wirklich schlimm?

Im vorigen Jahrhundert erfand oder vielmehr erlebte der Schriftsteller Adolf Glaßbrenner den Berliner „Eckensteher Nante“. Eine Kreatur ohne soziales Netz, Arbeitslosengeld oder Mindestlohn und ohne Anspruchsdenken, aber mit einer Mentalität, die uns heute abgeht. Es ließ ihn den Satz sagen: „Lebenslauf, ick erwarte Dir!“ Das steht diametral zu unserer heutigen Vollkaskomentalität.

Ein Graffito hat mich wie folgt belehrt: „Durch Kirchgang wird man so wenig zum Christen wie man zum Auto wird, wenn man eine Garage betritt.“ Entwicklungen, die früher Jahrzehnte gebraucht haben, sind heute manchmal schon überholt, bevor wir sie recht begriffen haben. Die Computer-Generationen reichen sich den Schnuller weiter. Die Änderungen seitdem sind viel rasanter und wesentlich einschneidender für die Informationsgesellschaft, in der wir uns bereits befinden. Das Schreiben, das Nacheinanderordnen von Buchstaben und das Lesen, das Wiedereinsammeln dieser Buchstaben mit den Augen, setzen die Fähigkeit zum Folgedenken voraus: Das ist eine hohe Trainingsstufe des Intellekts in Richtung auf das logische Denken. Die Informationsübermittlung über Bänder, Platten, Video, Disketten, so meinte der Kommunikationsphilosoph Vilem Flusser, ist besser und leichter. Wenn man per Video auf Besuch gehen kann, warum soll man dann noch Briefe schreiben? Der Zeitraum der Verständigung über Zeichencodes umfaßt gerade, breit gerechnet, vier Jahrtausende der Menschheitsgeschichte. Davor waren es Bilderbotschaften, und ab jetzt drängen wieder Bilder nach vorn.

In den Vereinigten Staaten – uns immer ein Jahrzehnt voraus – können 27 Millionen Bürger weder lesen noch schreiben, weitere 60 Millionen sind auf einem mühsam erreichten Volksschulniveau hängengeblieben, und die Trendberechnungen sehen im Jahr 2000 jeden dritten US-Bürger als “functionally illiterate” voraus, sozusagen in Betrieb befindlichen Analphabeten. Derweil tobt sich die Ausdrucksschwäche der Graffiti-Sprayer an den Wänden aus. Sie setzen meterlange schriftähnliche Zeichen, bringen aber kein Wort und damit keinen Sinn mehr zustande.

Weniger denn je lassen sich heute Entwicklungen vorausbestimmen. Sie lassen sich nicht mehr linear weiterführen, sondern finden häufig über Sprünge und Verwerfungen statt. Was gestern noch richtig war, kann heute schon falsch sein und morgen in die Pleite führen.

Auf dem unter Innovationsschüben schwankenden elektronischen Boden sind mehr Ahnungen als Wissen auszumachen. Es kann alles vorkommen und es kommt alles vor in der individuellen, chaotischen Kommunikation des Internet. Nach Sinn und Folge daraus wird nicht gefragt, wenn nur die Technik ständig neue, schnellere, komplexere Lösungen gebiert, ohne dabei auch eine kulturelle Dimension zu suchen und zu erkennen.

Die in der Erprobung befindlichen Paßworte für das Kommende: virtual reality, Cyberspace, Datenautobahn, Global Network, Infotainment, lassen nur die fatalen Alternativen des dualen Prinzips zu: yes – no, on – off. Und dies vor einem Menschen, der zwischen: weder – noch und: sowohl – als auch in Ratlosigkeit und immer widersprüchlicher werdenden Zukunftsperspektiven verharrt. Auf der Datenautobahn wird es auch Stauungen und Unfälle geben. Einen Datenfußweg, ohne an die Anfänge zurückzugehen, hat noch niemand angeboten.

Der Fortschritt der Technik ist dabei der Fortschritt der Technik. Und sonst nichts. Was der Fortschritt bewirkt, hat immer noch mit einem Menschen zu tun, der zwischen den Steinzeitvölkern und der Cyberspacegesellschaft nach wie vor eine Menge Adam mit sich herumschleppt, der zwischen menschenleeren Fabriken, papierlosen Büros und sinnleerer Freizeit umherirrt. Seine fünf Sinne teils unterfordert, teils überfordert, teils ungebraucht-, suchen nach Orientierung.

Bei allem Eifer, herauszufinden, was noch menschenmöglich ist, vergessen wir zu suchen, was menschlich ist. Verlorene Hoffnung ist verlorenes Leben. Bewußtes Leben setzt gewonnene Einsichten in Erleben um, stellt die Hoffnung über die Erfahrung. Ein Gewissen, das nur deshalb rein ist, weil es nicht benutzt wird, ist kein Gewissen. Es verliert seine Gewißheit. Der Klügere gibt nicht nach und gibt nicht auf. Das Problem dabei ist es, herauszufinden, wer der Klügere ist. Nicht nur für einen Moment, sondern auf Sicht oder auf lange Sicht. In einer Situation aber, in der das Verhindern, Vertagen, Verleugnen und Verleumden die Tagesordnung beherrschen, ist Nachgeben beim Klügeren mit Feigheit gleichzusetzen. Das läßt sich nicht vertuschen oder durch gegenseitige Handwaschungen und wechselseitiges Schulterklopfen „um des lieben Friedens willen“ aus der Welt schaffen.

Im Geschäft ist es nicht unbedingt vorteilhaft, beständig Charakter und Standfestigkeit, Wahrheitsliebe und Kämpfertum, Ethik und Moral zu haben, zu zeigen und zu demonstrieren. Knallharte Wahrheiten sind nicht immer opportun, gelegentlich geschäftsschädigend. Aber die Angstgrenzen zur Wahrheit geduldig abzubauen, das gibt Profil. Identity ist ein kompliziert verflochtenes Netz von historisch gewachsenen unternehmenspolitischen, sozialpsychologischen und vom Marktgeschehen beeinflußten Größen und Wirkungen, die mehr sind als Auftritt und Fassadenanstrich, als Produktgestaltung und Marketingstrategie.

Die Hohepriester der Corporate Identity verbreiten sich in den Meinungsspalten der Wirtschaftspresse. Im diskreten Lärm ihrer Gedanken wabert metaphysischer Bodennebel. Da sie sich im Grundsätzlichen verbreiten, müssen sie sich nicht der Mühe unterziehen, „mit den Köpfen anderer Leute zu denken“ (Brecht).

Unsere Berufe wirken auf unterschiedliche Weise auf ein Erscheinungsbild ein. Es setzt sich mosaikartig aus Handlungen, Informationen, Auftritten und Verhaltensweisen zusammen. Es kann sich opportun darstellen, charakteristisch sein und es kann Charakter haben. Das letztere setzt Stil und Haltung voraus. Vorgesetzte in Führungsverantwortung und Mitarbeiter in Handlungsverantwortung prägen diesen Charakter. Unzulängliche Handlungen sind korrigiebar, unzulänglicher Stil ist es schwieriger. Die deutliche Gestalt, der geprägte Charakter muß aus Führungsstil, Mitarbeitermotivation, Produktqualität, Marktverhalten und sozialer Partnerschaft zusammenwachsen. Das setzt Entscheidungskompetenz und Handlungsbereitschaft voraus.

Profil gilt es in jedem Beruf zu zeigen: 1. durch Analyse des Sachverhalts, 2. durch Meinungsbildung zu diesem Sachverhalt, 3. durch Bekanntgabe der Unternehmenshaltung zu diesem Sachverhalt. Nur so kommt Kompetenz und Schärfe in dieses Profil. Dieses Profil vermitteln keine Anpasser: empfindlich, aber nicht empfindsam, beherrschbar, aber nicht beherrscht, geflissentlich, aber nicht fleißig. Ebenso helfen nicht die übereifrigen Aktionisten: Wer zuviel zugleich will, erreicht nachher gar nichts.

Das lehrt uns, nicht nach Musterschülern zu suchen, sondern Ahnungsvollen, Phantasiebegabten, Neulandsuchern Sitz und Stimme bei uns zu geben, um ihre Einsichten nicht zu verschlafen, um zielstrebig, unruhig, hart und ideenreich zu arbeiten. Ideen, die nicht gelebt werden, verkümmern. Logik und Folgedenken in Regeln und Normen reichen nicht mehr aus, um Zukunft zu gewinnen. „Schöpferische Naturen“, sagte Robert Walser, „sind unspekulativ; das unterscheidet sie von den Nachahmern.“ Wer Urteilskraft hat, löst seine Aufgaben nicht mehr mit dem scharfen Blick für das Unwesentliche. Mut zur Veränderung muß von gleichzeitiger Umsicht im Entscheiden getragen sein.

Mit Begriffen wie Philosophie, Kultur und Ethik sollte man in Unternehmen und Gesellschaft sparsam umgehen. Wenn man den Beratungsgurus auf den Zahn fühlt, ist Unternehmenskultur lediglich der Tarnbegriff für Effizienz und Effektivität, für die Steigerung von Leistung und Wirksamkeit. Dafür sind diese Begriffe weder geprägt noch gedacht. Etikettenschwindel nimmt da seinen Ausgang und endet bei der Unglaubwürdigkeit. Theoretiker sind suspekt. Playboys lesen keine Bücher über Liebestechnik.

Bevor es eine Unternehmenskultur geben kann, muß es eine Unternehmerkultur geben: ein weitgehend unbestellter Acker. Es ist besser, zum Philosophen zu gehen als zum Psychiater. Wer sich in der Arbeit der reinen Rationalität hingibt, muß sich bald nachtherapieren lassen.

Carl Zeiss hat in seinem Unternehmen die Qualitätskontrolle noch persönlich vorgenommen: mit dem Vorschlaghammer. In den ersten 20 Jahren haben das tausend Mikroskope überstanden. Diese heutigem Denken nicht mehr nachvollziehbare Methode hat immerhin zu einem bis heute anhaltenden Weltruf geführt. Robert Bosch, der Pfennigfuchser, war jederzeit überzeugt, daß es besser ist, Geld zu verlieren als Vertrauen. Gottlieb Daimlers Glaubensbekenntnis hieß: „Das Beste. Oder nichts.“

Geld und Ideen verhalten sich gelegentlich zueinander wie in kommunizierenden Röhren: Wenn das Geld abnimmt, fangen die grauen Zellen an zu tanzen, man läßt sich was einfallent um aus der mißlichen Lage herauszukommen. Nimmt das Geld zu, vertraut man auf die Wucht der Masse, die wird’s schon richten. In der Tat regt aber das Nichthaben das Denken mehr an als das Haben.
Bei den Bemühungen um zukunftsgerichtete Formen ist die Hauptaufgabe immer noch, das Umdenken in den Köpfen der Mitarbeiter zu bewirken. Erfahrungen können manchmal rascher veralten als sie brauchen, um sich zu bilden. Wer zwanzig Jahre Falschgemachtes als Erfahrung verkauft, gehört in die Leichtlohngruppen des Denkbetriebes. Führung heute ist ein Mannschaftsspiel und kein Konfirmandenunterricht. Gewohnheitsdenker kann man leicht verwirren. „Der Kopf ist rund“, meinte Francis Picabia,„damit das Denken die Richtung ändern kann.“ Das Denken wohlgemerkt, nicht der Charakter. Eigenartigerweise werden bei uns Leute, die geradeaus denken können, als Querdenker bezeichnet.

Das Erfassen einer Botschaft muß über eine empfängerorientierte Kommunikation erfolgen, nicht über eine senderorientierte. Jedoch läuft der weitaus größere Teil aller Kommunikationsbemühungen senderorientiert – also falsch: Man redet von sich selbst, seiner Tüchtigkeit, der Einmaligkeit seiner Produkte. Empfängerorientiert ist das Denken mit den Köpfen der Kunden, ihren Bedürfnissen, ihren Wünschen, Vorstellungen, Vorurteilen, Erwartungen, Hoffnungen.

Wenn man das einmal verstanden hat, ist ab da Kommunikation immer noch ein langwieriges und verlustreiches Geschäft, das Konrad Lorenz so charakterisierte: „Gesagt ist nicht gehört, gehört ist nicht verstanden, verstanden ist nicht einverstanden, einverstanden ist nicht angewendet und angewendet ist nicht beibehalten.“ Wenn die Kommunikationskette nicht bis zum Beibehalten verbunden bleibt, sind alle vorausgegangenen Bemühungen nicht umsonst, aber vergeblich gewesen.

Für den Visions- und Innovationsprozeß läuft eine ähnliche Kette: von der Vision zur Intuition, also dem inneren Gesicht, zum unmittelbaren Erkennen, von dort zur Eingebung, von der Eingebung zum Denken, zum Wissen, und vom Wissen zum Urteilen. Um dann noch vom Urteilen zum Handeln zu kommen, das ist ebenso verlustreich wie im Konrad-Lorenz-Zitat.

Ein zügiges, gelegentlich auch sofortiges, aber nicht überstürztes Vorgehen ist nur möglich, wenn die internen Abstimmungsmarathonläufe wesentlich verkürzt werden, das heißt, auf die alleinigen Kompetenz- und Entscheidungsträger beschränkt werden. Das allseitig abgesicherte, wagnislose Vortasten kann einen Ruf nicht befördern und ein Image nicht zur Wirkung bringen. Zuviel Abstimmung drückt auf die Stimmung und verwässert Ideen und Absichten. Stets fordert man: „Wir bilden einen Ausschuß!“ (Das Wort sagt schon alles.) Ausschuß sollte man vermeiden. Und Bildungsmangel in Ausschüssen ist der Normalfall. Ihn bilden zu wollen, ist fruchtlos.
Die Hoffnung, mit Hilfe der neuen Technologien in halber Zeit, bei gleichem Lohn dreimal so viel zu produzieren, hat einen Generalnenner: die Illusion! Das funktioniert so wenig wie die Hoffnung, daß die Armen reicher werden, wenn man die Reichen reicher macht. Der amerikanische Negerführer Stokely Carmichael traf folgende Feststellung: Immer wenn sich in einer Gesellschaft bestimmten Schichten günstige Gelegenheiten boten, zu Reichtum und Ansehen zu kommen, waren Sie nach kurzer Zeit der Ansicht, diese Begünstigungen stünden ihnen „von Rechts wegen“ zu.

Es wäre schlimm um Feld und Wald bestellt, wenn immer nur der Vogel singen darf, der es am besten kann. Alle haben eine Stimme im Konzert, in dem es in der Natur allerdings keine Dissonanzen gibt. Und bei uns dürfen sie nicht überwiegen. Entweder, wir kommen miteinander aus, oder wir gehen miteinander ein.

Der Pluralismus hat jedoch auch Orientierungslosigkeit im Gefolge, und er entläßt uns nicht aus der Anstrengung, zwischen Freiheit und Schrankenlosigkeit, zwischen Leistung und Anspruch, zwischen Duldung und Schwäche, zwischen Arroganz und Selbstbewußtsein, zwischen Wirklichkeit und Wahrheit zu unterscheiden, zu werten und zu urteilen. Denken ist „Probehandeln“. Handeln ohne Denken ist Leichtsinn. Denken ohne Handeln ist wertlos. Autorität gibt nicht das Amt, sondern sie bildet sich dort, wo umfangreicheres Wissen, überlegenere Einsichten und bessere Urteilsfähigkeit auftritt. Herabstufende Sozialstrukturen sind überholt, aufbauende Leistungsbereitschaft wird gefördert. Der Mitarbeiter ist ein Mitgesellschafter.

Eine grundsätzliche Gewährung von Selbstverwirklichung führt nicht zwangsläufig zum Finden eigener Fähigkeiten und Begabungen, eher verstärkt sie die Selbstsucht und macht unfähig zur Kooperation. „Der Mensch läht sich eher durch Lob ruinieren“, meinte Bernard Shaw, „als durch Kritik bessern.“. Aufgaben übernehmen heißt, erforderliche Befugnisse geben, sonst wird aus Mitarbeit Gehorsam. Zahlengewohnte Entscheidungsträger, die den Diesseitskräften des Verstandes verhaftet sind, finden einen besseren Sinn in ihrer Tätigkeit, wenn darin Fortdauer sichtbar wird. Wir müssen das Denken mehr vom Rationalen zum Intultiven verlagern, aber nicht das eine durch das andere ersetzen. Erfolgsstories funktionieren nicht logisch, sondern psychologisch.

Wie oft löst der Fortschritt auf der einen Seite deutliche Nachteile auf der anderen aus. Aus Japan wurde berichtet, daß ein außer Kontrolle geratener Rototer einen Mechaniker erschlagen hat. Das könnte auch aus einem Chaplin-Film sein. Sicher sind durch Roboter Betriebsunfälle zurückgegangen. Vor allem auch dadurch, daß die Mechaniker arbeitslos zu Hause sitzen.

Der Gebrauch unserer Verstandeskräfte ist eindeutig auf das Materielle konzentriert. Visionäre Kräfte bleiben ungenutzt. Das Reich der Phantasie, der Kreativität und des Mutes muß erobert werden. Und es muß nicht das Reich der Erfahrungsgewohnheiten, Selbstgefälligkeiten und der Hackordnungen erhalten bleiben. Aus der Verhaltenspsychologie wissen wir nun mal, daß der Mensch erst unter Leidensdruck imstande ist, Ideen und Kräfte zu entwickeln, die diesen unangenehmen Zustand verändern sollen. Einsichten wachsen aber meist erst, wenn Marktanteile schwinden.

Der Prince de Ligne, aus altem belgischen Geschlecht, vor 200 Jahren ein erfolgreicher Feldherr, Diplomat, Großmeister der österreichischen Artillerie, russischer Feldmarschall, also ein Manager von internationalem Zuschnitt, ergab sich, von den Franzosen seiner Güter beraubt, eifrig literarischer Tätigkeit. Er stellte fest, daß Zerstreutheit ein Zeichen von Klugheit und Güte ist, „nur die Dummen sind ständig geistesgegenwärtig“. Dieser Art von Geistesgegenwart muß man sich auch heute noch allenthalben erwehren.

Eine Zeit der Besinnung, des Neubeginns, des Aufbruchs sollten wir nicht nur erwarten, sondern fordernd mitgestalten. Das bringen nicht die Technokraten und Erbsenzähler, die Netzplanstricker und Rationalisierer, das bringen Menschen, nach denen man immer deutlicher ruft: Anpacker des kalkulierten Risikos. Man kann Parallelen sehen: Auf den kraftlosen Stilragout gegen Ende des vorigen Jahrhunderts gab es einen großartigen Neubeginn. Peter Behrens, der Macher, hat es auf der Darmstädter Ausstellung im Jahre 1901 mit dem Mut zur poetischen Formulierung verkündet: „Ein erster Schritt zu großen Taten, ein erstes Wort von hoher Rede, ein erster Ton von rauschender Musik.“ Ich bin sehr zuversichtlich, daß wir in eine Aufbruchzeit hineinkommen werden. Dann werden wieder Inhalte gefragt und Formen gesucht.

Mein Kollege in Akademiezeiten, Alfred Hrdlicka, hat das so formuliert: „Der liebe Gott ist nicht so lieb, daß er denjenigen, die keinen Inhalt haben, auch die Form schenkt. Sondern es ist so, daß Leute, die Inhalte zu gestalten vermögen, auch die stärkere Form haben. Je intelligenter die Inhaltsbewältigung, desto stärker auch die Form. Inhalt und Form steigern sich gegenseitig.“

Um Wertewandel als Ratlosigkeit zu entlarven, muß ein Wertbewußtsein vorhanden sein. In unserer Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung und ihrem Gezerfe um Abgaben und Gejammer um Verzicht sieht man sich schon dem Kollaps nahe. Das wandelt nicht und schafft kein Bewußtsein. Welche Not ist eigentlich die größere? Was für Musik hätte Mozart eigentlich schreiben müssen? Abgerichtet und ausgebeutet von einem ehrgeizigen Vater, herumkutschiert und vorgeführt wie ein Zirkusäffchen, um seine Kindheit betrogen. Gegen Schulden, Krankheit und Antreiber ankämpfend und komponierend; und dann irgendwo verscharrt. In diesem Jammertal entstand eine Musik bar jeder Erdenschwere (die auch zur Trauer fähig war).

Wenn denn nun unser Leben in des lieben Gottes Hand liegen soll, dann hätte er über dieser Wiedergeburt seines Sohnes etwas schützender seine Hand halten sollen. Und die heutigen Nabelbeschauer ihrer Selbstbefindlichkeiten sollte er ab und zu in den Hintern treten.

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2 Comments

  1. Lars
    Posted 31. March 2011 at 21:16 | Permalink

    Danke für diese Erinnerung an einen eindrücklichen Menschen und einen nicht weniger eindrücklichen Tag vor 15 Jahren, kleines i.

  2. Markus
    Posted 5. April 2011 at 15:23 | Permalink

    Habe vor ein paar Tagen wieder mal das kleine Heftchen mit seinem/diesem Vortrag, von i gesetzt, in die Hände bekommen, nun liegt es auf dem Nachtisch … gleich neben/über Willbergs Typolemik.
    Hach …

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