Ein Schriftfächer-Klassifikations-Musterbuch

Ende letzten Jahres wurde ein neuer Schriftfächer von seinen Autoren auf typografie.info vorgestellt. Thomas Kunz hat nun dankenswerterweise eine Liste der vorgestellten Schriften veröffentlich.

facher

So viele verschiedene Gruppen sehen in bunt toll aus. Aber die Einteilung finde ich nicht in allen Punkten toll, die ersten beiden Bezeichnungen eher unglücklich gewählt. »Schriften vor Gutenberg« sind natürlich zeitgenössische Interpretationen wie z.B. Carolina, Duc de Berry uws. Aber warum dann nicht auch Ondine? Diese steckt bei den Breitfeder-Schriften.

Anstatt des Begriffs »gotisierende Schriften« fände ich »gebrochene Schriften« weniger missverständlich, vor allem, da sich so bizarr klingende Unterkategorien wie gotisierende Renaissance-Schriften und gotisierende gotische Schriften ergeben.

Auch bei den einfacher benannten Gruppen würde ich einiges anders zuordnen, die Times eher zu den Barock- als den Renaissance-Schriften stecken, Corporate A eher zu den klassizistischen. Etwas unglücklich finde ich die Solex in der Gruppe der »ursprünglichen Grotesken«, passt sie doch fast besser zu Unit und Fago, die bei den serifenlosen Antiquas eingeordnet sind. Wenn Melior eine »Clarendon« ist, wieso ist Linoletter nur eine serifenbetonte Variante? Genau wie Thesis Serif, wohingegen die sehr ähnliche Caecilia eine Egyptienne ist. Mmh.

Die Einteilung in die Gruppe »zweigliedrige Schriftsippe« wird der Lucida Familie mit ihren 10–14 Varianten nun überhaupt nicht gerecht. Genauso bestehen auch Fedra, Stone und Thesis aus mehr als zwei Teilen. Bei letzterer, Diverda und Syntax zeigt sich dann zudem, wie schwierig eine Einteilung in »Schriftsippen« als Extragruppe ist. Die einzelnen Schriften sind jeweils auch für sich eingeordnet.

1. Vor Gutenberg
1.1 Römisch: Columna Solid, Herculanum, Pompeijana
1.2 Frühchristlich: Omnia, Unciala
1.3 Frühromanik: Carolina
1.4 Gotik: Clairveaux, Duc de Berry, San Marco

2. Gotisierend
2.1 Gotik: Johannes G, Weiss Rundgotisch, Wilhelm Klingspor Gotisch
2.2 Renaissance: Alte Schwabacher, Fette Fraktur, Luthersche Fraktur, Walbaum Fraktur

3. Antiqua
3.1 Renaissance: Bembo, Californian, Centaur, Charter, Dante, Documenta, Electra, Elzevir, Fedra, Galliard, Garamond, Hollander, Janson, Minion, Perpetua, Poetica, Renard, Sabon, Stone Serif, Syntax Serif, Times, Trump Mediäval, Van Dijck
3.2 Barock: Baskerville Handcut, Caslon Display Typo, King’s, Coranto, Corporate A, Rotis Serif, Utopia
3.3 Klassizistisch: Bodoni, Centennial, Didot, Onyx, Scotch Roman, Walbaum

4. Serifenbetont
4.1 Egyptienne: Caecilia, City, Corporate E, Diverda Serif, Egyptienne, Lubalin Graph, Officina Serif, Rockwell, Serifa, Soho
4.2 Clarendon: Clarendon, Excelsior, Melior, Nimrod, Renault
4.3 Italienne: Wanted
4.4 Varianten: American Typewriter, Latin, LinoLetter, Lucida Serif, Mesquite, Swift, The Serif

5. Serifenlos
5.1 Ursprüngliche Grotesk: Akkurat, Basic Commercial, Corporate S, Eurostile, Franklin Gothic, Monotype Grotesque, Neue Helvetica, News Gothic, Newut, Solex, Univers, Vectora
5.2 Geometrische Grotesk: Avenir, DIN, Futura, Kabel, Neutraface, Stratum, Theo Ballmer
5.3 Serifenlose Antiqua: Dax, Diverda Sans, Fago, Fedra Sans, Frutiger, Gill Sans, FF Info, Lucida Sans, Meta, Myriad, Officina Sans, Optima, Rotis Sans Serif, Scala Sans, Stone Sans, Syntax, The Sans, Thordis Sans, Unit, Vesta, Veto

6. Schriftsippe
6.1 zweigliedrig: Diverda Sans/Serif, Fedra Sans/Serif, Lucida Sans/Serif, Officina Sans/Serif, Stone Sans/Serif, The Sans/Serif
6.2 dreigliedrig: Corporate A, S, E, Syntax, Syntax Serif, Syntax Letter,
6.3 viergliedrig: Rotis Sans Serif, Rotis Semi Sans, Rotis Semi Serif, Rotis Serif

7. Dicktengleich
7.1 Serifen: Courier, Kettler
7.2 Serifenlos: Letter Gothic, OCR A, OCR B, Simple, Thordis Sans Mono

8. Handschriftlich
8.1 Spitzfeder: Englische Schreibschrift, Palace Script, Petras Script
8.2 Breitfeder: Arabella, Medici Script, Ondine, Oxford, Zapfino
8.3 Pinsel: Mistral
8.4 Redisfeder: Kaufmann, Monoline Script, Sütterlin
8.5 Filzschreiber: ABC Schule, Caflisch Script, Syntax Letter

9. Dekorativ
9.1 Zierschrift/Dekorativ: Bifar, Mambo, Myriad Tilt, Remedy, Toolbox
9.2 Schablone/Stempel: Stencil
9.3 Geometrisch: Tephra, Industria, Jan
9.4 Raster/Punkt: Dot Matrix
9.5 Amorph: Blur, Tyrell Corp, Kosmik, Mineru, Stamp Gothic
9.6 Varianten: Arcadia, Arnold Böcklin, Triface/Trifill, Trixie

10. Bildschirm
10.1 Pixel: Alaska, Ceriph, Executive, Fuego, Hooge, Idea, Neostandard, Phantom, Pixot, Planeta, Protege, Sensation, Spam

11. Symbole
11.1 Sonderzeichen: Zapf Dingbats, European Pi, Mathematical Pi
11.2 Piktogramme: Holiday Pi, Mac Key Caps, Technical Pi, Textil Pi, Warning Pi

Vielleicht bin ich, was Klassifikationen anbelangt übersensibel. Aber ich finde, hier wären weniger fein eingeteilte Gruppen unkomplizierter gewesen (siehe Schriftenfächer von Michael Wörgötter). Die Untergruppen würde ich mir konsistenter wünschen z.B. auch mit eine Varianten-Kiste in allen Kategorien. Die gibt es nämlich ebenso bei den Serifen- und Serifenlosen Schriften.

Die Suche nach der optimalen Einteilung ist also noch nicht zu Ende.

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5 Kommentare

  1. Erstellt am 9. Januar 2010 um 23:17 | Permanent-Link

    Hmm, Ondine finde ich richtig klassifiziert… es sind alle die andere der “Vor-Gutenberg-Schriften”, wo ich eine falsche Klassifizierung sehe. Mensch, wir wissen ja alle, dass es keine Druckschriften vor Gutenberg gab. Alle Druckschriften oder Fonts, die in mitteralterlichen-Handschriftstilen gestalten sind, widerspiegeln nicht das Mittelalter. Sind sind Kinder unserer Zeit, oder zumindest Kinder des 19. Jahrhunderts, 20. Jahrhunderts oder die jetzige Zeit. Seit über 150 Jahren gibt es diese bombastische historisierenden Trends. Diese Schriften in Gruppe 1 sind Trendschriften. Allerdings gut gemachte Trendschriften. Aber immerhin!

    Die Duc de Berry, zum Beispiel, ist eine zeitgemäße Interpretation von den handgeschriebene Texte des Gebetbuchs des Duc de Berry. Sie ist nicht die Buchstaben dieses Gebetbuchs als Font! Großer Unterschied, meiner Meinung nach. Ich sehe diese Schriften ganz anders als z.B. Stempel Garamond oder andere Garaldes aus den 20. oder 21. Jahrhundert. Bei der Stempel Garamond, z.B. haben die Stempel-Mitarbeiter Textzüge angeschaut (wie die Engelhoff-Berner Probe), die mit echten Garamond-Lettern gedruckt würde. Sie versuchten, mit der damaligen Technologie diese Formen als neueren Druckschrift wieder umzusetzen.

    Dieses “Vor-Gutenberg”-Ding ist einfach Schrifthersteller-Marketing. Marketing sollte man nur bedingt achten; Marketing ist für die Massen… also an Leute gerichtet, die wenig Ahnung haben. Sie wollen beim Fontkauf beraten werden. “Welche Schrift sollte wir für unsere Ritterspiel-Party einsetzen?” Oder so in der Art :-D

    Aber ein Schriftmusterbuch ist für Schriftenkenner gemacht! Oder zumindest für Leute, die Schriften besser kennenlernen wollen (z.B., Studenten, auszubildende, Quereinsteiger usw.).

    Könnten wir bitte mit dieser Historizismus-Quatsch nicht zur Ende kommen? Wir wohnen schon längst in der postmodernistischen Zeit. Wir sollten wissen, dass alles, was nach Gotisch aussieht, unbedingt gotisch ist.

    “Digitale Schriften im historistischen mittelalterlichen-Stil”… das wäre OK! ;-)

    (I don’t mean to be so mean… the thing does look very pretty.)

  2. kupfers
    Erstellt am 9. Januar 2010 um 23:29 | Permanent-Link

    Genau, das Problem habe ich allgemein mit allen (kunst-)geschichtlichen Gruppennamen. Auch Arnhem, Yoga oder Malabar sind nicht aus der Barock- oder Renaissance-Epoche, sondern beziehen sich auf Formen, die damals erstmals in Erscheinung traten. Daher schlug ich in meiner Einteilung ja die generischen Namen wie »dynamisch« oder »geometrisch« vor.
    Mit »Antiqua« geht es mir genauso. Das sind nicht nur Serifenschriften sondern alle mit lateinischen Buchstaben.
    Was findest Du von dem Begriff »gotisierende Schriften«, da habe ich genauso Bauchschmerzen.

    Ja, der Fächer sieht toll aus, wunderbar farbenfroh gestaltet. Deswegen werden ihn die meisten auch einfach (weniger kritisch als wir) kaufen.

  3. Erstellt am 9. Januar 2010 um 23:40 | Permanent-Link

    Ich würde »gotisierende Schriften« möglicherweise in Ordnung finden, wenn es ein Begriff wäre, dass schon für gebrochene Schriften öfters verwendet würde. Wie du oben schreibst stammen die meisten gebrochenen Schriftarten (und wirklich alle gebrochene Druckschriften…) aus späteren Zeiten. Gebrochene Schriften ist einfach Standard, so weit wie ich es weiß… ich bin selbstverständlich ein Fan vom englischen Begriff »Blackletter«…

    Für Arnhem, Malbar usw konnte ich mich mit »digitalen Schrift mit frühbarockischen Anmutungen« leben. Etwas wie »contemporary baroque-style typeface« wäre eigentlich falsch. Wenn die Schrift mal ein leben findet (hehe…), dann wäre sie irgendwann nicht mehr »contemporary«.

    Und wie klassifiziert man z.B. Swift? I bet that you can come up with a better description than me :-D

  4. kupfers
    Erstellt am 9. Januar 2010 um 23:48 | Permanent-Link

    Swift würde ich als eine Serifenschrift mit dynamischem Formprinzip bezeichnen (das umgeht das Problem :) siehe R mit diagonalem Abstrich, offenes e mit schräger Betonung links unten …
    Man könnte diese Gruppe dann noch feiner einteilen in »venezianisch«, »barock«, weet ik veel und z.B. auch mit einer Gruppe »kräftige Serifen«. Da könnte sie rein.
    Aber ich finde, die Swift ist keine Latin, nur weil sie dreieckige Serifen hat, nor würde ich sie als Slab-Serif oder Clarendon bezeichnen, dafür hat sie doch viel zu viel Strichkontrast.
    Ich orientiere mich bei der Einteilung lieber an der Anmutung (freundlich) und Verwendung (Langstreckenlesetext).

  5. Erstellt am 10. Januar 2010 um 15:52 | Permanent-Link

    Genau. »Latin Serif« ist eher etwas wie Emigres Matrix!

    Für mich könnte Swift in der selben Kategorie wie ITC Charter stehen (digitale Antiqua [oder lieber »Serif Typeface«… komm, manchmal ist Englisch doch deutlicher ;-) ] der frühen 1980er; sehr lesbar in Mengentexten; einfach gezeichnet [haben z.B., keine überflüssige Kurven]; sehr reduzierte Formen).

    Oder könnte Swift in der selben Kategorie mit Dwiggins’ Electra gehen, da sie in vielen Hinsichten eine Weiterentwicklungen der Electra ist.

    Für mich sind viele Schriftklassifizierungssysteme zu unhistorisch. Schau mal die FF Scala und FF Scala Sans an (zwei meiner Lieblingsschriftfamilien)! Ohne die Romulus + Romulus Sans sind sie kaum vorstellbar. Für mich gehören die beiden »Schriftsystemen« im selben Kästchen.

    Oder Syntax. Syntax ist Sabon Sans, Punkt. War auch so gemacht. Natürlich gehen Sabon und Syntax nicht so gut zusammen wie FF Scala und FF Scala Sans es tun, ber Schriften entstehen nicht aus den nichts. Erst kam die Sabon, danach kamm Stempels Syntax…

    Fazit: Ich favorisiere viele, viele kleine Kästchen. Dann kann eine Schrift mehrmals auftauchen. Sie gehört eben da, wo sie gehört. Auch wenn sie da und da und da gehört. Beim Schriftfächer-Klassifikations-Musterbuch bedeutet das, dass dieselbe Schrift mehr als einmal darein kommen sollte. Ja, das geht in diesem Format nicht. Deswegen mag ich ein solches Format eher nicht ;-)

    Ein System wie MyFonts.com’s Keywords ist deswegen in meinen Augen das beste Klassifizierungssystem, dass wir zur Zeit haben.

    Meiner Meinung ist gewiss nicht einfach für Laien, Außenstehenden, Anfänger oder Studenten schnell zu verstehen. But Typography is hard. I’m not sure that I really want to simplify it.

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